Multikulti in Belgien

Es gibt immer weniger Urbelgier und immer mehr Neubelgier

Vor einige Tage publizierte das Belgische Statistikamt eine interessante demografische Studie bezüglich der wachsende ‚Diversität‘ der belgische Bevölkerung. Dass festgestellt wurde dass innerhalb den letzten 10 Jahren die Diversität der Bevölkerung immer weiter zugenommen hat, darf keine Überraschung sein.




© Johan Dieleman (eigene Bearbeitung der veröffentlichen Zahlen) Für Gesamtbelgien sieht es so aus :

- Belgier mit belgischem Hintergrund : 7,8 Mio (68 %)

- Belgier mit ausländischem Hintergrund : 2,25 Mio (20 %); davon 70 % mit Herkunft außerhalb der EU.

- Ausländer die in Belgien wohnen: 1,4 Mio (12 %)


Dass es weniger und weniger Belgier mit belgischer Herkunft gibt und mehr und mehr Belgier mit ausländischer Herkunft wird nicht überraschen.


1° Die Methodologie

Wie wir es von diesem Amt gewohnt sind war diese statistische Forschung wie immer sehr solide. Im Gegensatz zu den Niederlanden ist es den Behörden bei uns nicht erlaubt ethnische Daten zu sammeln. (Dazu gibt es historische Gründe die ich gerne in einen anderen Beitrag erkläre). Dieses Hindernis erschwert die Untersuchung nach der Herkunft und Diversität der Belgische Bevölkerung. Um zu entscheiden ob jemand eine belgische oder ausländische Herkunft hat wurde deswegen die ‚ersterworbene‘ Nationalität als Kriterium erfunden und genutzt.


2° ‚ersterworbene Nationalität‘ und ‚Doppelnationalität‘ Dieses Kriterium ist unvermeidbar, weil in Belgien im Gegensatz zu Deutschland und Österreich viele Einwohner eine Doppelnationalität haben dürfen. Dies ist z.B. der Fall für manche Marokkaner. Laut dem marokkanischen Gesetz erwirbt jeder der aus marokkanischen Eltern geboren wird automatisch die marokkanische Nationalität, auch wenn er im Ausland (also in Belgien) geboren wird. Die Türkei hat ein ähnliches System. In der vorliegende Studie ist man Belgier mit belgischem Hintergrund wenn beide Eltern die Belgische Nationalität als ‚ersterworbene‘ haben.

Die Methodologie ist genau beschrieben (leider nicht auf Deutsch) auf https://statbel.fgov.be/nl/themas/bevolking/herkomst.


3° Es gibt (weniger) Belgier und (mehr) Belgier

Diese Doppelnationalität bedeutet dass viele Nachkommen aus der dritte Generation von Gastarbeiter in der Statistik als Belgier mit belgischer Herkunft betrachtet werden. Manche (meist aus der EU) sind tatsächlich integriert obwohl sie sich natürlich manchmal mehr Franzose oder Italiener fühlen als Belgier um nicht von den Niederländern zu reden. Anders sieht es aus mit Belgier mit Herkunft außerhalb der EU. Es ist ein empfindliches Thema weil der Vorwurf von Stigmatisierung ist schnell gemacht. Von den Kindern in den flämischen Grundschulen aber spricht bereits ein Viertel zuhause kein Niederländisch. Es gibt mittlerweile viele Belgier die keine der drei offiziellen belgischen Sprachen (Niederländisch, Französisch und Deutsch) beherrschen.


Ich glaube deswegen dass es deutlich weniger ‚Urbelgier‘ gibt als in der Statistik angegeben. Viele ‚Urbelgier‘ sind meiner Meinung nach noch immer ‚Neubelgier‘. Dass man nicht genau bestimmen kann wie viele Urbelgier es gibt soll nicht unbedingt problematisch sein. Es reicht fest zu stellen dass die Herkunft unserer Bevölkerung immer diverser wird so wie in viele anderen Ländern. (Die Bezeichnungen ‚Urbelgier‘ und ‚Neubelgier‘ kommen nicht aus dem Bericht vom Statistikamt sondern sind meine eigene).


© Johan Dieleman (eigene Bearbeitung der veröffentlichen Zahlen)


4° Regionale und städtische Unterschiede

Auch wenn die Tendenz der zunehmende Diversität deutlich ist, brauchen diese statistischen Daten ein bisschen Erklärung, weil hinter den Zahlen und Durchschnitten verstecken sich große Unterschiede. Dass in den Dörfer auf dem Land die Anzahl Neubelgier oder Ausländer geringer ist als in den Städten mag keine Überraschung sein. Zwischen den größten Städten gibt es aber auch erhebliche Unterschiede die den Differenzen zwischen den niederländisch und französisch sprechenden Landesteilen entsprechen. Dazu reicht es die Bevölkerung von Antwerpen mit der von Brüssel zu vergleichen.


a) Xenophobe oder tolerant Im Vergleich mit Brüssel, ist in Antwerpen (und in Flandern im Allgemeinen) ein größerer Teil der Bevölkerung eher ‚flämisch-nationalistisch‘ und weniger fremdenfreundlich. In der Perzeption heißt es dass es zu viel ‚Fremden‘ gibt. Trotz (oder dank?) der Tatsache dass es in Brüssel deutlich viel mehr ‚Fremden‘ gibt als in Antwerpen, muss man sagen dass Brüssel eine viel tolerantere Stadt ist. In Brüssel spricht man hauptsächlich Französisch. Eine nationalistische und xenophobe AFD-artige Partei hat bisher in Brüssel (und sogar auch in der Wallonie) kaum Erfolg gehabt. In Flandern dagegen haben die flämisch-nationalistische Tendenzen eine Mehrheit.

b) Marokkaner sind die größte Fremdgruppe in Belgien

Für ganz Belgien kann man sagen dass die Marokkaner die größte Fremdgruppe bilden. Man schätzt das etwa eine halbe Million Marokkaner in Belgien leben. Mittlerweile ist die dritte Generation daran, wovon die erste bereits in der Statistik als ‚Urbelgier‘ betrachtet werden (siehe oben). Die Reihenfolge ist wie folgt: Marokkaner, Italiener, Franzosen, Niederländer und Türken.

c) In Flandern sind die Niederländer jedoch die größte Fremdgruppe, vor die Marokkaner und die Türken. Weil man niederländisch spricht in Flandern ist es logisch dass die meiste Niederländer hier wohnen. Diese sogenannte ‚N(i)ederbelgen‘ sind aber absolut keine Belgier und fallen in der Statistik in der Kategorie ‚Ausländer‘. Marokkaner, meist Berber, findet man meist in den größeren flämischen Städten, sowie die Türken, die auch in der ehemaligen Kohlenbergbauregion Limburg stark anwesend sind.

d) Die Region Brüssel-Hauptstadt hat die größte Fremdbevölkerung in Belgien. Marokkaner, Franzosen und Italiener bilden hier die Top drei. Natürlich gibt es auch viele ‚echte‘ Ausländer die in Brüssel wohnen wegen der EU. Ein bekannter Franzose der aus steuerlichen Gründen offiziell in Brüssel wohnt ist der Milliardär Bernard Arnault (Eigner von Louis Vuitton).

e) Wenig Deutscher und Österreicher wohnen in Belgien

Obwohl viele Niederländer und Franzosen in Belgien wohnen, gibt es kaum Einwohner aus unserem anderen Nachbarland Deutschland.

f) Rumänen kommen und bleiben zunehmend nach Belgien. Rumänien ist mittlerweile das sechste Herkunftsland der Ausländer in Belgien.

g) Die ‚schwarze‘ Bevölkerung konzentriert sich in Brüssel und Antwerpen. Die Kongolesen und anderen aus französisch sprechende ehemalige Kolonien in Brüssel, die englischsprachigen eher in Antwerpen.


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