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Unterwegs mit Merkur und Minerva

Merkur, Gott des Handels und des Diebstahls

Wer durch Antwerpen geht, wird ihm oft begegnen: Merkur schmückt als Statue oder als Ornament das Straßenbild. Wir erkennen ihn an seinem geflügelten Helm und Sandalen, aber auch an seinem doppelten Schlangenstab, seinem Caduceus. Die Ähnlichkeit zwischen dem (römischen) Merkur und dem (griechischen) Hermes ist nicht zufällig: Beide sind Götterboten. Der Stab des Hermes, der mit Merkur zum Caduceus wurde, ist das Attribut, an dem ein „Bote“ zu erkennen ist und das ihm einen gewissen Schutz- oder Diplomatenstatus verleiht.

Merkur wurde besonders von römischen Kaufleuten (Mercator=Kaufmann) angerufen, um ihre Handelsunternehmen zu segnen (Tricks, Fälschung, Bestechung und Wettbewerbsverzerrung). Merkur ist daher der Gott der Kaufleute, aber auch der Diebe. Sein Ruf als Pate der Diebe rührt wahrscheinlich von dem Viehdiebstahl her, den er einst begangen hat (vgl. die Geschichte von „Mercurius und Battus“, wie sie Ovid in seinen „Metamorphosen“ aufzeichnet).

Bild 1: Merkur am Hansahaus, gebaut um 1900 vom deutschen Kaufmann Wilhelm Arnold von Mallinckrodt


Die Anwesenheit des Merkurs und seiner Attribute im Antwerpener Straßenbild hat seinen Ursprung im wirtschaftlichen Aufschwung, den die Stadt und insbesondere ihr Hafen nach der Abschaffung der Schifffahrtsgebühren auf der Schelde im Jahr 1863 erlebten. Importe und Exporte aus Übersee sowie der Frachtumschlag wuchsen exponentiell bis zum Ersten Weltkrieg. Dies war das Ergebnis der fortschreitenden Liberalisierung des Welthandels, des starken Rückgangs der Frachtraten durch den Aufstieg der Dampfschifffahrt und des Handels mit dem Kongo-Freistaat, der Privatkolonie unseres Königs Leopold II.

Übrigens ließen sich damals viele deutsche Kaufleute in Antwerpen nieder und verehrten – dem Aussehen ihrer Gebäude nach zu urteilen – ebenfalls den Gott des Handels. Denn wer ein Merkurbild oder seine Attribute an seiner Fassade anbringt, sendet eine klare Botschaft: Hier leben und arbeiten erfolgreiche Kaufleute.

Bild 2: Caduceus kombiniert mit Cornucopia am ehemaligen Kaufhaus 'Grand Bazar'


Merkur, der höchste Gott von Antwerpen

Wer Antwerpen verstehen will, muss erkennen, dass Handel und Wirtschaft hier seit dem goldenen Antwerpener 16. Jahrhundert an erster Stelle stehen. Die Unternehmer setzen sich ein – im Bündnis mit der Stadtverwaltung – für eine freie Schifffahrt, ein steuerlich günstiges Geschäftsklima und nicht zu viele Regeln die das freie Unternehmertum behindern. Wenn er erfolgreich ist, wird der Antwerpener dies auch mit den äußeren Merkmalen des Reichtums zeigen wollen. Die zahlreichen Verweise auf Merkur an den Fassaden zeigen, dass er bis weit ins 20. Jahrhundert eindeutig der oberste Gott des Antwerpener Unternehmers war.


Heute prunkt der wohlhabende Antwerpener nicht mehr mit der Merkur-Symbolik. Jetzt unterstreicht er seinen Status mit teuren Autos, Maßanzügen und exklusiven Restaurants. Bescheidenheit war nie ein charakteristisches Merkmal des Antwerpeners. In den schönen Parkviertel rund um die Stadt sind immer die neuesten Porsche, Lamborginis, Feraris und Bentleys zu sehen.


Minerva, Göttin der Weisheit und Kunst

Der Fokus auf „business first“ bedeutet jedoch nicht, dass die Antwerpener die Wissenschaften und Künste nicht schätzen. Eine uralte Weisheit besagt, dass Geld Kunst anzieht und nicht umgekehrt. Erst Geld verdienen, dann folgen die (angewandte) Künste. Damit kommen wir zur Schutzpatronin von Kunst und Wissenschaft, der Göttin Minerva.

Minerva, die römische Version der griechischen Pallas Athene, steht für Weisheit und Kreativität und ist in dieser Eigenschaft die Schutzgöttin der Künstler (im Allgemeinen). Dass Antwerpen im 16. und 17. Jahrhundert über eine renommierte Malschule verfügte und Drehscheibe des Kunsthandels wurde, lag am angesammelten Reichtum der Handelsfamilien, die damit ihren Status und ihre Macht unterstreichen konnten.

Bild 3: Minerva von Masherini auf der Scheldeterrasse Doch die Göttin der Künstler, Minerva, ist auf den Straßen kaum präsent. Die einzige öffentlich zugängliche Statue zu Ehren von Minerva ist prominenter an der Promenade entlang der Schelde aufgestellt. Mascherinis Minerva – hier als Patronin der Stadt, der Wissenschaft und der Kunst – überblickt die Schelde, die Quelle unseres Wohlstands.


Merkur und Minerva: Die Visitenkarte von Meister Rubens

Kein anderer als Rubens brachte die beiden Götter Merkur und Minerva überlebensgroß zusammen auf den Triumphbogen den er in seinem Stadtpalast bauen ließ um seinen Status zu unterstreichen. Minerva muss des Meisters Ruf als weiser Intellektueller betonen, weil der selbstbewusster Antwerpener verbrachte acht Jahre in Italien wo er sowohl die klassische Kunst und Kultur als auch die zeitgenössische kennenlernte.


Bild 4: Porticus (Triumphbogen) Rubenshaus

Wir könnten vermuten, dass Merkur hier als Hinweis auf Erfolg und Reichtum von Rubens diente. Nach Ansicht von Kunsthistorikern des Rubenshauses wäre Merkur hier jedoch als Schutzgott der Maler dargestellt worden. Davon findet sich jedoch weder im römischen Merkurkult noch in der vorangegangenen griechischen Hermesmythologie etwas. Vermutlich wurde Merkur erst im 16. und 17. Jahrhundert - und damit posthum - von den „gelehrten“ Malern zu ihrem Patron erhoben.

Zu Recht wird dagegen darauf hingewiesen, dass Merkur – dank seines Stabes – als Bote und Diplomat einen geschützten Status hatte. Und damit kommen wir zurück zum Caduseus, dem Stab des Merkur. Immerhin war Rubens an mehreren diplomatischen Einsätzen beteiligt. Renommierte Künstler besuchten die europäischen Königshöfe und waren daher hervorragende Boten und Diplomaten (und manchmal auch Spione).


Ein Seitensprung: Merkur und Minerva an der Börse und im Restaurant

Merkur ziert nicht nur die Fassaden von Kaufleuten. Wir finden ihn auch sehr oft in der Ikonographie von Aktien, die in den 1920er Jahren ausgegeben wurden.


Als Sammler wertloser Aktien kann ich es nicht wiederstehen, ein Detail der vom Antwerpener Hersteller der exklusivsten Luxusautomobile ausgegebenen MINERVA MOTORS-Aktien zu zeigen. Könige, Filmstars und Firmenchefs waren Kunden in Antwerpen. Sogar Henry Ford hatte einen. Natürlich besuche ich auch gerne das gleichnamige Restaurant MINERVA. Sie werden kulinarisch verwöhnt und stilvoll bedient und denken bis zur Rechnung nicht daran, dass diese Aktien wertlos geworden sind, als das Unternehmen 1934 in Konkurs ging. Schließlich blieben die zahlungskräftigen Kunden nach dem Börsencrash von 1929 aus. Die Rechnung kommt immer danach.



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